News vom: 29.04.2010

Osnabrücker Zeitung

 





Der Flirt am Herd
Von Hendrik Steinkuhl, Osnabrück

Sieht gut aus, kocht gern und hat auch noch die Resteverwertung im Auge: Mit Sabrina macht das Einkaufen Spaß.
[Foto: Neue OZ]





Sind Sie Single? Haben Sie gern fremde Leute in der Küche? Da hätten wir was für Sie: „Blind Date Cooking“, die neue Partnerbörse im Essbereich. Sie und Er treffen sich zum Einkaufen, Kochen und Verzehren – gemeinsamer Abwasch nicht ausgeschlossen. Bei der Premiere in Osnabrück waren wir dabei.

Das Dessert ist der geeignete Gang, um seine Gäste langsam betrunken zu machen. Dezent, mit Zabaione oder flambiertem Obst, oder plump, dann serviert man einfach Sahnelikör auf Eis. Sabrina und ich einigen uns nach zwei kurzen Telefonaten auf einen Trifle. Unten Obst, oben Keks, und dazwischen: Mascarponecreme. Nirgendwo kann man einen Achtelliter Amaretto besser verstecken.

Blind Date Cooking heißt: Man kocht zu zweit, isst aber zu sechst. Die beiden anderen Pärchen kümmern sich um Vorspeise und Hauptgang, man steht also in direkter Konkurrenz. Der Trifle als der große Blender unter den Nachtischen drängt sich hier förmlich auf.

„Und warum unbedingt mit Alkohol?“, fragt Sabrina. „Ich möchte sichergehen, dass die anderen in Anwesenheit eines Reporters nicht unnötig verkrampfen“, antworte ich.

Sabrina hat volles Verständnis, und nicht nur das: Sie denkt auch mit. Als ich bei ihr klingele, macht eine große hübsche Frau die Tür auf und hält mir sofort ein Cocktail-Rezept unter die Nase: Orangensaft, Sekt und Amaretto auf Eis.

„Den können wir doch nach dem Dessert noch anbieten. Dann lohnt es sich auch, dass wir für die Mascarponecreme eine Flasche Amaretto kaufen.“ Sieht gut aus, kocht gerne und hat auch noch die Resteverwertung im Auge. Wo gibt es denn heute noch so was?

Dach und erster Stock unseres Trifles stehen: zerbröselte Amarettini auf beschwipster Frischkäsecreme. Nur im Erdgeschoss haben Sabrina und ich noch ein Problem. Per Mail hat sich unsere Kochgruppe für das Drei-Gänge-Menü auf das rasend originelle Thema „Frühling“ geeinigt. Frühspargel bietet sich zum Dessert nicht an, der Rhabarber sieht im April noch aus wie Stangensellerie. Was also bleibt? Erdbeeren aus Spanien.

„Die sind aber total pestizidverseucht“, hatte mir meine Oma noch gesagt. „Ja, aber was sollen wir denn sonst nehmen?“, fragt Sabrina völlig zu Recht, als wir im Supermarkt am Obststand stehen. Wir einigen uns darauf, dass uns die Pestizide bei so viel Amaretto nichts anhaben können. Und um unsere Ökobilanz bei eingeflogenen Erdbeeren aus Spanien wieder auszugleichen, komme ich heute Abend mit dem Fahrrad und Sabrina zu Fuß.

Ein Achtelliter Amaretto

Einkaufen mit Sabrina macht Spaß. Sie bleibt an keinem Regal hängen, entscheidet sich schnell und findet Diätprodukte genauso bescheuert wie ich. Auf dem Heimweg lästern wir noch ein bisschen. Unsere Dinner-Gastgeber hatten vorgeschlagen, man könnte das Menü ja auch unter das Motto „Omas Küche“ stellen. „Also Spitzkohleintopf und nichts zu trinken, macht ja unnötig satt“, sage ich.

„Genau, und die Männer kommen im Kittel und die Frauen mit Schürze“, sagt Sabrina. Offenbar sind wir ähnlich sozialisiert, das macht alles einfacher.

Ein Trifle bereitet sich im Grunde von selber zu. Ich wasche und zerlege ein halbes Kilo Erdbeeren, Sabrina entschuldigt sich zweimal für ihre kleine Küche und macht den Rest. Entspanntes Arbeiten Rücken an Rücken. Als ich fertig bin, gucke ich Sabrina noch beim Kekszerbröseln zu. Warum auch immer ahnt sie, dass ich gerne probieren würde, und gibt mir wie einem kleinen Jungen ein paar Amarettini in die Hand? Ich mag das. Schnell noch ein Weinglas (der „Show-Kelch“) fürs Foto gefüllt, der Rest kommt aus praktischen Gründen dann doch in die große Schüssel. Ab in den Kühlschrank damit, die Mascarponecreme suppt schon durch – wir treffen uns zum Dinner bei Gastgeber Waldi bzw. Waldemar.

Nicht wenige Frauen versuchen, schlanker zu wirken, indem sie bei einem Date einfach nichts essen. Sabrina hat mit solchen Spielereien nun gar nichts am Hut. „Den Show-Kelch habe ich übrigens vorhin schon aufgegessen“, sagt sie, während wir vor Waldis Tür warten. „War lecker!“

Der Gastgeber begrüßt uns im Treppenhaus mit einem breiten Lächeln und einem unterarmlangen Schraubenzieher. Wir müssen uns anschreien, irgendwas dröhnt durch alle drei Etagen. „Das ist die Klingel, ihr habt zu fest draufgedrückt!“ Hätte man auch ahnen können, dass man am Westerberg den Klingelknopf nur streicheln darf. In der Kochnische erwartet uns die schwer beschäftigte Inga. Es gibt Cannelloni mit Gemüsefüllung, das erfahren wir aber erst ein paar Minuten später. Denn Inga ist, wie gesagt, schwer beschäftigt. Waldi hingegen hat Ruhe für zwei und widmet sich erst einmal uns und der Getränkeauswahl.

Provozierter Gastgeber

„Bier, Wein, Erdbeershake?“ „Iiieh, pestizidverseuchte Erdbeeren, was seid ihr denn für Umweltsäue?“ Erst mal den Gastgeber provozieren, das ist für den Blutdruck noch besser als ein Begrüßungssekt. Waldi lässt sich aber nicht provozieren, denn Waldi hat die gute Laune miterfunden – und ist ein hervorragender Gastgeber: Getränkeauswahl sehr gut, leere Gläser werden umgehend aufgefüllt, die Musik ist nicht zu laut, keine überflüssige Tischdeko, die beim Essen stört. Dass Waldi aus Ostwestfalen kommt und sein altes Paderborner Nummernschild an einem Deckenbalken hängt, wollen wir deshalb einfach mal verschweigen.

Irritierend ist hier nur, dass Waldi und Inga an ein altes Ehepaar erinnern. „Ach so ja, wir kennen uns auch.“ Tolles Blind Date: Inga ist die beste Freundin von Waldis Freundin, die wiederum in der anderen Sechsergruppe mit dem besten Freund von Waldi kocht. Und unsere Vorspeise, auf die wir inzwischen schon eine Dreiviertelstunde warten, kochen Waldis Kumpel Michael und Sabrinas Freundin Ines.

Michael nun hat angeblich die Hausnummer seines Freundes Waldi vergessen und ist deshalb mit Ines und der Vorspeise eine halbe Stunde lang in Waldis Straße herumgefahren. Warum er nicht einfach angerufen hat, bekommen wir nicht heraus. So gut wie Michael und Ines sich verstehen, muss die vergessene Hausnummer aber auch eine Ausrede gewesen sein.

Würde nach Zuspätkommen und blöder Ausrede jetzt auch noch die Vorspeise nicht schmecken, müsste man den beiden böse sein. Sie schmeckt aber. Ziegenkäse-Schinken-Röllchen mit Linsen, umrandet von der beliebten Balsamico-Tellerverzierung. Der Käse schmeckt schon ein wenig nach altem Ziegenbock; ich finde das gut, und die anderen offenbar auch. Die Gemüse-Cannelloni sind ebenfalls gut, nur die Käsehaube ähnelt eher einer Panade.

„Den Schmelzpunkt vom Parmesan muss ich noch mal googeln“, sagt Waldi. Du brauchst mehr Fett im Käse, denke ich, halte aber ausnahmsweise mal den Mund. Unser Dessert – nun ja, das sollen andere beurteilen. Ich habe jedenfalls noch die Schüssel ausgeleckt.

Spätestens nach unserem Cocktail sind auch alle anständig beduselt. Die Stimmung ist gut, Ines erzählt vom Einkauf im Fashion Outlet, Sabrina vom Schlager-Move und Waldi von seiner Vermieterin. Nachdem ich meinen Standardwitz gebracht habe („Noch was essen? Ich glaube, ich habe schon meine Punkte voll“), entspinnt sich wie üblich eine rege Diskussion über die Weightwatchers. An jedem Tisch gibt es ja mindestens eine Frau, die es damit schon versucht hat. Ich verrate nicht, wer es bei uns war, nur kurz die wesentliche Erkenntnis aus unserer Diskussion: Ein Croissant hat acht Punkte, ein normales Brötchen nur zwei.

Nach dem Essen („Abwasch macht nachher Inga“, sagt Waldi) geht es noch eben zur Aftershowparty ins Esstheater im Alando. Dort treffen wir auch die zweite Gruppe. Die will jetzt sogar regelmäßig zusammen kochen.

Wir tun das wohl nicht; jedenfalls hat mich noch niemand eingeladen. Das könnte man nun schade finden – oder man könnte sich auch einfach nur darüber freuen, dass man einen tollen gemeinsamen Abend hatte.

Ich bevorzuge Lösung zwei. Falls es nun doch noch ein nächstes Mal geben sollte, werden Sabrina und ich auf jeden Fall noch einmal denselben Nachtisch machen. Dann aber, fest versprochen, mit deutschen Erdbeeren.

[Quelle: Neue OZ]